Danils in Afrika
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Halt! Polizei!

“What did you bring me from your country?” fragt der Maschinengewehr bewaffnete Verkehrspolizist mit heuchlerisch freundlicher Stimme. Lässig stützt er sich mit den Ellbogen auf unser Autotür ab und lehnt sich mit dem Oberkörper durch das geöffnete Fenster. Mit geübtem Blick scannt er die Fahrerkabine nach passender Beute. “Just the best wishes from our president” flötet Danie in ihrer unvergleichlich liebenswerten Art. Schweigen. Der Polizist grübelt, er grübelt zu lange. Sein cooler, vermeintlich Respekt einflößender Blick weicht einem verdatterten Gesichtsausdruck. „From who?“ fragt er verwirrt. Das ist ja wohl die Höhe. Er kennt unseren Präsidenten nicht. Wir fühlen uns in unserem Nationalstolz verletzt. Es wird Zeit sauer zu werden. Entrüstet erwidert Danie: „From our president! You don't know our president?“ Jetzt hat er komplett den Faden verloren. Kleinlaut und leicht verschämt bringt er nur noch ein „Ähhm...yes, of course. Thank you.“ heraus und lässt uns passieren.

Solche Ablenkungsmanöver helfen bei den unzähligen Polizeikontrollen – die z.B. in Sambia streckenweise alle 40 Kilometer erfolgen – ungemein. Gerade mit südafrikanischem Kennzeichen wird man in den angrenzenden Ländern besonders gerne, häufig und schroff kontrolliert. Dies ist allerdings auch kein Wunder. Denn wenn weiße Südafrikaner auf Safari gehen, ist das oft keine Reise, sondern eine Invasion. Sie fahren ausschließlich in einem Konvoi mit mindestens vier Fahrzeugen, meist absurd ausgestattete Toyota Hilux, Landcruiser oder Landrover. Auf den Campingplätzen okkupieren sie dann die besten Plätze – dafür wird auch schon einmal ein von anderen Personen aufgebautes Zelt umgestellt – und arrangieren ihre Fahrzeuge ganz nach Manier ihrer Vorfahren zu einer Wagenburg, um einheimische Übergriffe oder sonstige Belästigungen effektiv abwehren zu können. So sehr sie sich für die Flora und Fauna des jeweiligen Landes interessieren – jeder Piepmatz wird fotografiert und ausführlich diskutiert – so wenig haben viele von ihnen für die Bevölkerung übrig, was sie diese auch eindrucksvoll mit großspurigem und ignorantem Gehabe spüren lassen.

Mit dieser Bürde unbeschadet die Polizeikontrollen zu überstehen ist nicht ganz einfach. Wir mussten also die fleißigen Ordnungshüter überzeugen, dass wir anders sind: offen, interessiert, liebenswert und deutsch. Das war während der Fußballweltmeisterschaft noch recht einfach. Schon beim Herunterkurbeln des Fensters gaben wir mit unbändiger Freude bekannt, dass wir aus Deutschland kommen und erkundigten uns sofort beim jeweiligen Kontrolleur, ob der denn das letzte Deutschlandspiel gesehen habe bzw. das nächste schauen werde. Nach einem meist überraschten und ehrlich erfreuten „Aaahh, from German“ folgte eine ernsthafte Analyse des letzten Spiels, eine Diskussion über Ballacks Gesundheitszustand, die Chancen der afrikanischen WM-Teilnehmer und die Bedeutung der WM für Afrika insgesamt. Nachdem wir jedem einzelnen Polizisten das Versprechen abgepresst hatten, beim nächsten Spiel Deutschland zu unterstützen, verabschiedeten wir uns mit viel Händegeschüttel, „Tschüss!“, „Goodbye!“ und der Verabschiedungsformel der jeweiligen Landessprache. Ganz in der Fußballeuphorie gefangen, vergaßen die meisten Polizisten die Kontrolle unserer Papiere. Das ist wahre Völkerverständigung!

Leider standen nicht alle Polizeikontrollen unter dem Stern der Freundschaft. Bei aufdringlichen und aggressiven Ordnungshütern, die entweder Geld, Essen, Getränke oder wie die Kinder sogar Süßigkeiten von uns verlangten, mussten wir eine härtere Gangart einlegen, was meist bedeutete, den Danie-Terrier von der Leine zu lassen.

Eine besonders dreiste Art, uns abzocken zu wollen, erlebten wir in Nordtansania in der Nähe vom Lake Victoria. Viele Polizeikontrollen erfolgen an Schranken, die die Straße komplett blockieren. Meist bemühen sich die im Schatten unter einem Baum fletzenden Polizisten gelangweilt und in Zeitlupe zum Fahrzeug, wenn man an der Schranke hält. Sie wird geöffnet, sobald der Führerschein – deutscher oder internationaler je nach Belieben –, die Versicherungspapiere, die Importlizenz oder auch mal der Reisepass dem Wohlgefallen des jeweiligen Ordnungshüters entspricht. Nicht so in diesem Fall!

Nachdem wir an der besagten Schranke in Nordtansania hielten, passierte erst einmal gar nichts. Kein Polizist weit und breit und auch kein schattenspendender Baum in Sicht. Vielleicht die Erklärung, dass der Posten nicht besetzt war. Einige Lehmhütten des nächsten Dorfes standen etwas abseits der Straße. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlurfte eine Person hinter einer der Hütten hervor. Sie bewegte sich zwar im Tempo eines Polizisten, war aber nur...der Obstverkäufer. Da unser Obstvorrat gedeckt war und uns die Warterei zu blöd wurde, stieg ich aus, um die Schranke selbst zu öffnen. Just in dem Moment, in dem ich Hand anlegte, kam ein Polizist hinter derselben Hütte hervor und schritt – ganz unüblich – mit schnellem und bestimmtem Schritt auf mich zu. Im Schlepptau wieder zwei mit Maschinengewehr bewaffnete Helferchen. Warum man als Verkehrspolizist Maschinengewehr tragen muss, ist uns bis heute nicht ganz klar geworden. Wahrscheinlich ist es Ausdruck grenzenloser Autorität. Mit strenger, erboster Stimme herrschte er mich an. Was mir einfalle, die Schranke selbst zu öffnen. Dies sei eine polizeiliche Straßenkontrolle. Ich hätte die Gesetze Tansanias verletzt und müsse daher ein Bußgeld zahlen. Freundlich erkundigte ich mich, woher ich denn wissen solle, dass dies eine Polizeikontrolle sei, wenn nach fünf Minuten Warten zuerst der Obstverkäufer an die Schranke komme. Er wiederholte lediglich, was er zuvor gesagt hatte.

Unterdessen schloss Danie Freundschaft mit seinen zwei Begleitern. In typisch arroganter Polizistenmanier hatten auch sie versucht, sich auf dem geöffneten Fenster der Beifahrerseite abzustützen. Gerade als die beiden ihre Ellbogen ablegen wollten, kurbelte Danie das Fenster rigoros samt Armen hoch, und schob, indem sie die Autotür öffnete, beide Polizisten zur Seite. Mit Stift und Zettel bewaffnet ging sie entschlossen auf den Oberpolizisten zu und fragte ihn nach seinem Namen und Dienstnummer. Wenn dies eine derart wichtige Kontrolle sei, könne es ja wohl nicht angehn, dass er hinter einer Hütte sitze und mit seinen Kumpels Karten spiele. Da könne ja wer weiß was passieren, in der Zeit, in der sie nicht aufpassten. Sie werde diese Missachtung seiner polizeilichen Aufgabe umgehend bei seinen Vorgesetzten in Mwanza melden. Diese schlagkräftigen Argumente bewogen ihn offenbar dazu, mein rücksichtsloses Vergehen neu zu bewerten, und er stufte die Strafe von einem Bußgeld zu einer oberflächlichen Kontrolle des Führerscheins herunter.

Auf diese Art haben wir es bisher geschafft, keinen einzigen Cent an Polizisten zu zahlen. Auch gab es bei uns weder Softdrinks noch Süßigkeiten – worauf wir nach 20.000 km gefahrener Strecke und fast 100 Kontrollen ein bisschen stolz sind. Allerdings muss auch betont werden, dass korrupte Polizisten eher die Ausnahme sind. Vielmehr wollen die meisten aus Langeweile oder Neugierde nur ein kleines Pläuschchen halten. Das nervt, kostet Geduld, aber tut keinem weh. Vor allem nicht den Afrikanern. Denn eine wichtige Weisheit des Westens ist noch nicht bis hierher vorgedrungen. Zeit kostet hier kein Geld.

© 2019 Daniela Meyer | www.hauptstadtjournalisten.de