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Mutter des Erfolgs

Die junge Südafrikanerin Mpumi Zikalala ist die einzige Chefin einer Diamantenmine am Kap – und eine Symbolfigur

 

Unschlüssig bleibt der Herr mit dem grau melierten Haar stehen, suchend blickt er im Raum um sich. Er hätte gern noch einen Tee, bevor das Meeting beginnt, zu dem der Diamantenkonzern De Beers in die südafrikanische Mine Voorspoed geladen hat. Ein Dutzend Männer in dunklen Anzügen hat schon an einem langen Tisch Platz genommen, ihre Laptops vor sich. Am Kopfende sortiert eine junge schwarze Frau einen Stapel Papiere.

»Ich nehme Roibusch. Mit zwei Löffeln Zucker«, wendet sich der Mann nun ohne Umschweife an sie. Mpumi Zikalala blickt auf. Ein paar Sekunden taxiert sie ihn, ihre dunklen Augen zu Schlitzen verengt. Dann lächelt sie. »Ich weiß nicht, ob Sie schlecht sehen, aber die Getränke stehen dort drüben«, sagt sie und deutet auf einen Beistelltisch in der Ecke. Kurz darauf eröffnet die Chefin der Voorspoed-Mine die Konferenz mit einer detaillierten Anleitung für die Zubereitung einer Tasse Tee. Ihre Zuhörer brechen in schallendes Gelächter aus.

»Ich habe beschlossen, mit Humor zu reagieren, wenn ich für die Sekretärin gehalten werde oder jemand sich wundert, wo Herr Zikalala ist«, sagt die Managerin. Das sei der Preis dafür, die einzige weibliche Minen-Chefin in der südafrikanischen Diamantenindustrie zu sein – einer Branche, die zu 90 Prozent von Männern dominiert wird »Natürlich könnte ich mich auch aufregen«, sagt die 31-Jährige, »aber was würde mir das bringen? Respekt? Sicher nicht.«

Wie viel Karat der Stein an ihrer Kette hat, mag sie nicht verraten

Sie hat ihr kurzes Haar zu dünnen, straff am Kopf liegenden Zöpfen geflochten. Den Versuch, durch damenhafte Frisuren älter auszusehen, hat sie vor Kurzem aufgegeben. »Ich bin eine junge Frau. Und, ja, ich bin schwarz«, sagt sie, »das ist wohl nicht zu übersehen.« Sie schaut ihrem Gegenüber direkt in die Augen und blinzelt kaum. Ihre großen, kräftigen Hände gestikulieren langsam im Takt ihrer dunklen Stimme.

Auch wenn Geschäftspartner wüssten, dass Voorspoed von einer Frau geleitet wird, erzählt sie, seien viele überrascht, ausgerechnet eine wie sie dort zu treffen. Eine Schwarze. Und noch so jung. Doch sie lässt sich nicht beirren. »Die Leute werden sich an mich gewöhnen.« Dann lächelt sie verschmitzt wie ein Schulmädchen und fügt hinzu: »Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes übrig.«

Zikalala hat ihr Büro in einem der Wohncontainer auf dem Minengelände eingerichtet. Ein simpler Konferenztisch, eine grau laminierte Arbeitsplatte, dahinter ein Bürostuhl aus schwarzem Kunstleder. An den Wänden hängen Großaufnahmen von Rohdiamanten und der Mine, daneben ein Ausdruck des Aktienkurses von De Beers. Kein Glamour, nichts Privates. Auf den ersten Blick wird deutlich: Hier wird gearbeitet.

Zikalala studierte von 1996 bis 2005 an der Universität Witwatersrand in Johannesburg Ingenieurwesen. Nach der Uni fing sie bei De Beers an. Zuerst als Metallurgin, dann als technische Assistentin der Geschäftsleitung im Johannesburger Firmensitz. Sie war die erste Schwarze in dieser Position. Einer ihrer Chefs entdeckte ihre Führungsqualitäten und schickte sie 2008 als Managerin nach Kimberley – die älteste Mine des Konzerns. Seit Anfang dieses Jahres ist Zikalala Chefin in Voorspoed.

Sie trägt eine rot-weiß gestreifte Bluse, darüber einen grauen Pullunder von Aca Joe, einer unter Jugendlichen beliebten Marke. Ihre Gäste begrüßt sie mit festem Händedruck und einer kurzen Umarmung, die überrascht, aber nicht unpassend wirkt. An einer dünnen Silberkette um ihren Hals glitzert ein Diamant. Wie viel Karat er hat, will sie nicht verraten. Auch nicht, was so ein Steinchen kostet.

Stattdessen kommt sie auf ein Thema zurück, das sie beschäftigt: »Auch bei De Beers sitzen in den obersten Etagen immer noch hauptsächlich weiße ältere Herren .« Unweigerlich muss man an den 65-jährigen Chairman Nicky Oppenheimer denken, dessen Großvater Ernest Oppenheimer 1929 Vorstandschef des 1888 von Cecil Rhodes gegründeten Diamantenkartells De Beers Consolidated Mines wurde. Diese seit mehr als 120 Jahren gepflegten Strukturen durchbricht die 1,85 Meter große Zikalala und geht in Voorspoed neue Wege.

Die Mine ist prädestiniert dafür. Sie wurde im November 2008 von De Beers eröffnet und ist deren jüngste Förderanlage für Diamanten. Historisch gesehen ist sie nicht neu. Von 1906 bis 1912 grub dort die Voorspoed Diamond Mining Company nach dem Luxusrohstoff. Aber die Bohrtechnologie erlaubte es nicht, tiefer als 35 Meter in die Gesteinsschichten vorzudringen. Als diese Grenze erreicht war, wurde der Diamantenabbau eingestellt. De Beers schätzt, dass die Mine, die auch die seltenen rosafarbenen Diamanten hervorbringt, weitere 12 bis 16 Jahre mit einem jährlichen Ausstoß von 800.000 Karat betrieben werden kann.

Nicht nur die Mine ist vergleichsweise jung, auch das Durchschnittsalter der Belegschaft liegt bei nur 32 Jahren. 35 Prozent der 310 Angestellten sind Frauen. »Und die kochen nicht nur Kaffee oder stehen am Kopierer«, sagt Zikalala. 30 Prozent der weiblichen Angestellten in Voorspoed, rechnet sie vor, seien in technischen Berufen beschäftigt – als Ingenieurinnen oder Fahrerinnen tonnenschwerer Trucks in der Grube. Darauf ist Zikalala stolz. »Ich habe mir zum Ziel gesetzt, jedem hier eine bedeutungsvolle Aufgabe zu geben«, sagt sie.

Die Idee, mehr Frauen einzustellen und schwarze Mitarbeiter zu fördern, kam nicht vom De-Beers-Konzern selbst. Die südafrikanische Gesetzgebung zwingt Unternehmen seit 2004 dazu, auf allen Hierarchieebenen bevorzugt Schwarze einzustellen. So soll das während der Apartheid entstandene Ungleichgewicht allmählich behoben werden.

Ihre Eltern dachten, sie wolle in einem Schacht arbeiten

Bergbaugesellschaften mussten bis 2009 zehn Prozent weibliche Mitarbeiter einstellen. Bis 2014 müssen sie 26 Prozent ihrer Anteile an schwarze Investoren verkaufen, wenn sie ihre Lizenz behalten wollen. De Beers hat nach eigenen Angaben beide Ziele erreicht. So besteht der Konzern heute zu 30Prozent aus Frauen und hat 26 Prozent seiner südafrikanischen Gesellschaft für umgerechnet 480 Millionen Euro an Schwarze veräußert.

Mpumi Zikalala verkörpert die Erfüllung wichtiger politischer Forderungen. Kein Wunder also, dass der weltgrößte Diamantenproduzent, dem immer wieder vorgeworfen wird, schwarze Mitarbeiter während der Apartheid als Billigarbeitskräfte missbraucht zu haben, sie gern in Szene setzt. Bei De Beers steht der Name Mpumi für eine neue Zeitrechnung, eine Art Reinwaschung von den dunklen Schatten der Vergangenheit.

Eigentlich wollte Zikalala nicht in die Diamantenindustrie. Als Kind träumte sie davon, Ärztin zu werden. Das war der einzige Beruf mit hohem Prestige, von dem man in der Wohnsiedlung für Schwarze in ihrem Heimatort Vryheid je gehört hatte. Ihre Eltern – eine Lehrerin und ein Schulinspektor – waren schockiert, als ihre Tochter in der zwölften Klasse eines Tages nach Hause kam und verkündete, sie wolle in einer Mine arbeiten. Für sie waren Minen Symbole der Ausbeutung. Sie glaubten, ihre Tochter würde für einen Hungerlohn unter Tage gehen und ihr Talent vergeuden.

Zikalala lacht, als sie erzählt, wie sie versprechen musste, dass sie nicht in einem Schacht arbeiten werde. Vertreter von De Beers waren einige Wochen zuvor in ihre Schule gekommen und hatten den besten Schülern Universitätsstipendien angeboten. Im Gegenzug mussten die in den Ferien für den Konzern arbeiten. Zikalala war unter den Auserwählten und hatte direkt zugesagt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die damals 17-Jährige nie etwas von Studiengängen wie Maschinenbau oder Hüttenkunde gehört. Das Diskriminierungssystem hatte Zikalala noch am eigenen Leib zu spüren bekommen. Während gleichaltrige Weiße von Beginn an in eine gut ausgestattete Schule in der Stadt gehen konnten, musste sie sich in einer Township-Schule die wenigen vorhandenen Bücher mit Klassenkameraden teilen. Bis sie wegen guter Noten die Oberstufe einer Missionarsschule besuchen konnte, hatte sie noch nie einen Computer gesehen. Und auch keinen Diamanten.

Ihren Eltern verdanke sie, dass sie trotz allem eine gute Bildung genossen habe, sagt sie. »Meine vier Geschwister und ich wurden zu harter Arbeit angehalten.« Von ihrer Großmutter, die in einer weißen Familie als Haushaltshilfe arbeitete, habe sie gelernt, dass jeder sein Glück selbst in der Hand halte. Diese Einstellung will sie an ihre Mitarbeiter weitergeben: »Ich sage immer: Wenn ihr vor einer Tür steht und jammert, dass ihr keine Chance habt, reinzukommen, wird sich nichts ändern. Die Tür öffnet sich erst, wenn ihr die Klinke drückt.«

Zikalala hat in kurzer Zeit einen Führungsstil entwickelt, der zu funktionieren scheint – eine Mischung aus Lebensfreude, Disziplin und Förderung von Eigeninitiative. »Aus weiblichem und gesundem Menschenverstand«, wie sie es flapsig formuliert. »Ich gebe auch Anweisungen, aber ich will, dass die Leute sie hinterfragen, mit mir diskutieren. Ich will, dass sie Ideen einbringen und genauso viel Spaß haben wie ich«, sagt sie. Wenig später knufft sie eine Kollegin, der sie zuvor wegen eines Sicherheitsverstoßes eine Strafzahlung von 20Cent aufgebrummt hat, kumpelhaft in die Seite.

Für die Zukunft hat Zikalala sich viel vorgenommen. Eine Familie will sie gründen, am liebsten hätte sie drei Kinder. Sie glaubt nicht, dass ihre Karriere dadurch gefährdet würde. »Andere schaffen das auch«, sagt sie nur. Die haben allerdings nicht vor, CEO einer großen Firma zu werden. »Es muss nicht De Beers sein, auch nicht die Minenindustrie. Es gibt viele Branchen, denen mehr Weiblichkeit guttun würde«, sagt sie. Selbstsicher und stolz. Man könnte meinen, dass ihre Mutter eine Ahnung hatte, wie ihre Tochter einmal werden würde, als sie nach einem passenden Namen für sie suchte. Mpumi bedeutet »Mutter des Erfolgs«.

Erschienen in: DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30 

Internet: http://www.zeit.de/2010/30/P-Mpumi-Diamantenmine

 

 

© 2019 Daniela Meyer | www.hauptstadtjournalisten.de